Anna Konjetzky & Co

beat silence beat // Kritiken

beat silence beat // Kritiken

Uraufführung von Anna Konjetzkys neuestem Wurf in den Kammerspielen

Tanznetz // München, 23/06/2026 // Autor: VESNA MLAKAR

Die ganz und gar nicht harmlose, sondern überaus lebhafte Produktion „beat silence beat“ macht Klang zu Tanz und Körper zu Instrumenten.
Sergej Maingardt hat für das Tänzersextett einen rhythmischen Sound komponiert, den die – trotz Hitze – konditionell bestens aufgelegten und enorm reaktionsfreudigen Akteure via Bodenkontakt, was gut zu verfolgen ist, bald durch ihre gesamten Körper pulsieren lassen.

Die Senkrechte der anfangs nah beisammenstehenden Leiber gerät durch Gewichtsverlagerungen, die auf die Musik getaktet sind, ins Schwanken. Köpfe werden impulsiv zur Seite gedreht, Schultern verschoben. Langsam kommt die gesamte Gruppe ins Schwingen. Der Klang verändert sich. Knie schnellen in die Höhe. Aufstampfen bzw. das behutsame, forsche, überraschte, mal wilde und mal zögerliche Wiederabsetzen der Fußsohlen wird in dieser höchst motorischen Produktion, die allein schon durchs Zusehen ansteckend wirkt, zum stetig wiederkehrenden Leitmotiv.

Man kann in Anna Konjetzky eine Provokateurin sehen, der es um Werte geht. Egal, ob ihre choreografischen Arbeiten radikal-explosiv sind wie ihre Recherche zum Komplex „Wut“ oder zurückgenommener in der Wahl der Ausdrucksmittel. Letzteres ist bei „beat silence beat“ der Fall. Auch hier gelingt es ihr – ausgehend von an sich klaren musikalischen, physischen bzw. emotionalen Phänomenen –, Prozesse des Nachdenkens in Gang zu setzen. Ihr Mittel dazu: feinst inszenierte Körperlichkeit. Schlicht und einfach wirkungsvoll.

sound on // Kritiken

sound on // Kritiken

Im Kreuzfeuer äußerer Einflüsse

Tanznetz // München, 14/07/2025 // Autor: Sabine Leucht

Im Sommer ihres zwanzigsten Bühnenjahres gelingt der Münchner Choreografin ein musikalisches Tanzstück für Jugendliche, das Körper als Resonanzkörper zeigt und die Freiräume der Kunst feiert.
(…)
Im Vor- und Zurück-Rucken ihrer Hälse, im Rollen der Schultern und Weich- und Mobil-Werden der Beine – und auch ihre Stimmapparate nehmen die Schwingung auf: Sie schnalzen, summen, erzeugen etwas zwischen Körpergeräusch, Beatboxing und Rap. Und auch das Stück ist ein Hybrid, angekündigt als Zwischending aus Tanz und Konzert. „Sound on!“ heißt es, und das klingt zurecht wie ein Startsignal. Denn von Beginn an geht hier etwas los, was mit Action, aber auch viel mit Austausch zu tun hat, weil auch die Stimmen der Performer*innen wieder eingespeist werden in die Loopmachine, die Sergej Maingardt in seine elektromusikalische Komposition integriert. (…)
Zumindest in München hat Konjetzky länger nicht mehr für junges Publikum gearbeitet. Wie schade das ist, beweist „Sound on!“ ist ihr hier mal wieder ein Coup gelungen.

tomorrow…we…were… // Kritiken

tomorrow…we…were… // Kritiken

Virtuos durch die (Zeitschienen-) Mangel gedreht

Tanznetz // München, 27/09/2024 // Autor: Vesna Mlakar

“(…)Tanz am Puls der Zeit startet hingegen gerade die freie Tanzszene in München durch. Das Schöne dabei ist der hohe, sehr
assoziatiionsaffine Abstraktionsgrad – vor allem körperlich und eingebettet in eine raffiniert arrangierte Akustik (mal aus dem Off, mal direkt on stage abgespielt).
In Anna Konjetzkys neuem Tanzstück „tomorrow…we…were“ hängen sechs Tänzer*innen in pastellbunten Anzügen bisweilen
grandios verlangsamt irgendwo zwischen verklärter Vergangenheit und angestrebter, regenbogenfarbener Zukunft fest.
Sonore und optische Effekte – dramaturgisch sinnvoll miteinander verwoben – verwandeln die einstündige Performance teilweise in
einen regelrechten Schleudergang. Ein Bild, das sich auch wegen des Bühnensets im Kopf einnistet.“
“Virtuos durch die (Zeitschienen-) Mangel gedreht “

tomorrow…we…were…

M 94,5, Kulturmagazin Sekt Mate

…bricht auf jeden Fall mit diesem Klischee, dass Nostalgie ein wohlwollender Blick auf die Vergangenheit ist. „tomorrow… we… were…“ ist eine Tanzperformance, in der sich sechs Tänzerinnen kritisch mit diesem, ja schon fast verklärten Blick in die Vergangenheit auseinandersetzen.

…durch diese Brüche kommt es eher zu einem Effekt des Nachdenkens. Und genau das strebt Anna Konjwtzky hier an: wenn wir die Vergangenheit verklären und einer unrealistischen Version nachtrauern, dann verstellen wir uns selbst den Blick in die Zukunft. Denn denken und träumen wir irgendwie nur noch rückwärts gewandt und dann bewegen wir uns auch auf der Stelle.

songs of absence // Kritiken

songs of absence // Kritiken

Anna Konjetzky «Songs of Absence»

Salzburg

der-theaterverlag.de // März 2024 // Autor: Carmen Kovacs

Nicht jede laute Arbeit ist eine gute Arbeit – diese schon. Anna Konjetzky hat etwas zu sagen, das nicht verschwinden darf. In München ist sie mit ihrem Team seit vielen Jahren eine richtungsweisende Institution, die lokal wie international Verbindung und Vernetzung innerhalb der Tanzszene aktiv sucht, ermöglicht und gestaltet. Man darf die «Songs of Absence», uraufgeführt beim Münchner Theaterfestival «spielart», im Kontext dieses Austauschs verstehen, als Teil einer queerfeministischen, gesellschaftspolitisch verankerten künstlerischen Praxis.
Während es mit großer Dringlichkeit um das Sichtbarmachen von Leerstellen geht, um das Vergessene und Verdrängte, tragen sich diese Inhalte in einer charmanten Albumstruktur vor. In einem Halbrund aus Projektionswänden sind zwei Standmikros positioniert, die von Beginn an markieren, dass es einiges zu sagen gibt. Und tatsächlich spielt der Text, das Aus- und Ansprechen, das Verschlucken, Mutieren und virtuose Ineinandermorphen von Wörtern und Sätzen eine tragende Rolle. In einem fast symbiotischen Verhältnis mit dem Soundtrack (Sergej Maingardt) führt uns der phänomenale Cast aus sieben Performerinnen durch verkörperte Attitüden, persönliche Ansprache, ekstatisches Sprechen, Rap, Parolen, Poesie. Manches Hervorbringen wird zur schweren Geburt, die Bewegung zur Begleiterscheinung der Bedeutung.
Wie das alles in Bewegungssprache aussieht, scheint sowieso in vielen Momenten zweitrangig – und doch sind die Ausdrucksformen so konkret und spezifisch, dass die erfahrene choreografische Direktive dahinter klar zu spüren ist. Mal sind es statische Bilder, schöne Verkomplizierungen, in denen die Körper ineinanderschlüpfen und sich wieder lösen, einander stützen und halten. Und mal sind es tänzerisch befreite Phrasen, die die affirmative Kraft der Bewegung beschwören. In einem Moment sieht man obsessives Abarbeiten der Gruppe aan sich selbst. Und im nächsten eine E-Gitarre, die von zwei Perfromerinnen mit Objekten bearbeitet und auf wilde Weisen zum Klingen gebracht wird.
Wir erleben Gesten der Verneinung, die in der kollektiven Ausführung zu bejahenden Gesten der Zusammengehörigkeit werden, zur schwesterlichen Umarmung. Wir schauen einem Ensemble zu, das seine Mittel bestens im Griff hat und seinnen selbstermächtigten Zugang bis in die Gestaltung des Lichts versteht. Handwerklich und dramaturgisch ist das so gut, dass man zwischenzeitlich vergisst, worum es eigentlich geht. Zum Glück kommt mit dem Finale die fürsorgliche Ohrfeige, die feststellt, ob man noch da ist.

Auf der Sonnenseite des Bebens

Süddeutsche Zeitung, 06.11.2023 // Autor*innen: Yvonne Poppek/Egbert Tholl

Im schönen Kontrast dazu gibt es die Uraufführung von „songs of absence“ der Münchner Choreographin Anna Konjetzky, konzipiert wie ein Album, durchzogen von starken Bildern, klug feministisch positioniert.

Kunst des Spielens

Abendzeitung München, 02.11.2023 // Autorin: Vesna Mlakar

„Songs of absence“ steckt voller Lyrics (…) Starke Worte, gespickt mit Gedanken, die weiter hineinwirken in ihre – im Inneren – heftig bewegte Performance. (…) Emotional steigert sich das Ganze zu einer zunehmend erregten Aufzählung, die in einem Schluckauf aus bloß noch einzeln hervorgestoßenen Vokalen gipfelt. Immer wieder bleiben den sieben Tänzerinnen Worte im Hals stecken. Oder die Sätze versacken im Übergang zu einer anderen Aktion. (…)

Die Kunst des Spielens mit Inhalt und Form beherrscht Anna Konjetzky gut. Doch der Choreografin, die seit mittlerweile 18 Jahren regelmäßig von einer gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung geprägte Tanzstücke in München und weltweit auf die Bühne bringt, geht es niemals bloß um das Formale. Zu groß scheint ihre schier unstillbare Lust zu sein, ein Publikum impulsiv-thematisch zu vereinnahmen. Und genau das gelingt Konjetzky dank ihrer famosen Protagonistinnen Sahra Huby, Amie Jammeh, Sotiria Koutsopetrou, Jin Lee, Quindell Orton, Martha Pasakopoulou und Hannah Schillinger.

Über die Wut // TANZweb.org

Über die Wut // TANZweb.org

Tanz Solo Festival Bonn 2023

Manifest der Empörung

www.tanzweb.org, 05.03.2023 // Autor: Elisabeth Einecke-Klövekorn​

 

„Über die Wut“ von Anna Konjetzky beim Tanzsolofestival Bonn

Es gibt unzählige Gründe, wütend zu sein. Besonders als Frau. Wut ist ein Gefühl, das den ganzen Körper erfasst: Zähneknirschen, Muskelspannung, Steigerung der Pulsfrequenz und des Adrenalinspiegels. Wut macht aber auch stark. Die aus Belgien stammende Tänzerin Sahra Huby zeigt das in der 2021 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführten Tanzinstallation „Über die Wut“ von Anna Konjetzky (Choreografie und Bühne) mit selbstbewusster Energie. 2022 wurde sie dafür in der Kategorie Darsteller:in Tanz für den Deutschen Theaterpreis „Faust“ nominiert. Am 4. März war diese beeindruckende Performance nun beim Internationalen Bonner Tanzsolofestival auf der Brotfabrik Bühne zu erleben.
„WUT“ steht in großen Leuchtbuchstaben zwischen den von der Decke hängenden weißen Papierbahnen, die als Projektionsfläche für Bilder von Empörung weckenden Missständen und für Protestaufrufe dienen. „Stop“ ruft Huby ins Mikrofon, das ihre Stimme vervielfältigt. Sie setzt sich, steht wieder auf, springt hoch, taumelt, tobt, stampft, keucht, schreit, schlägt auf unsichtbare Gegner ein. Das ganze zornige Bewegungsvokabular wird durchdekliniert bis hin zum männlich konnotierten Zeigen von muskulösem Bizeps, stolzem Brusttrommeln und Zähnefletschen. Die hochgereckte geballte Faust, der ausgestreckte Mittelfinger: viele symbolische Gesten des Widerstands werden erprobt. Sie ruft die Zeuginnen der Jahrhunderte alten weiblichen Wut auf von Medea und Jeanne d’Arc bis zu Clara Zetkin und Audre Lorde. Auch Greta Thunbergs „How dare you“ ist zu hören.

Ab und zu scheint die Tänzerin in der Flut der Video-Projektionen fast unterzugehen. Der optische Overkill verstärkt indes noch das Gefühl der ohnmächtigen Wut. Akustisch untermalt wird all das von der elektronischen Musik von Brendan Dougherty, die die Performance mitträgt, manchmal sehr laut, aber auch voller sensibler Klangmomente. Mitunter parodiert Huby die aggressiven Gebärden bis hin zu grotesken Verrenkungen und traut sich auch, komisch zu erscheinen. Einmal ballt sie eine Papierbahn zu einem Klumpen, den sie wie eine Maske vors Gesicht hält und dann als wie eine Wolke nach oben hochzieht, wo ein verzerrter Mund darauf projiziert wird. Aber reden allein hilft nicht gegen all die Bedrohungen, Verletzungen und Ungerechtigkeiten.
Wut erschöpft sich freilich auch. Gegen Ende entledigt sich die Tänzerin ihres grauen Overalls, öffnet ihren strengen Haarknoten und tanzt nackt mit wehender Mähne über die Bühne. Ganz leicht und wie befreit von der rasenden Hektik und Anspannung. Es ist ein Aufruf zur Selbstbestimmung. Anna Konjetzkys großartige Inszenierung setzt gegen die Klischees der zornigen Frau als hysterische Zicke eine weibliche Wut, die auf die konkrete Veränderbarkeit der Verhältnisse abzielt. Diese Wut ist nicht nur eine Emotion, es ist eine Energie, die geradezu elektrisiert.  Nach 75 Minuten, langer begeisterter Beifall aus dem ausverkauften Theatersaal. Danach lud das Team das Publikum noch ein zum Vermittlungsformat „Physical Traces“ und der Erkundung eigener Wutenergien.

 

hope/less // Abendzeitung

hope/less // Abendzeitung

Die Zuschauer in Schwindel versetzt

Abendzeitung, 30.09.22 // Autor: Vesna Mlakar
Die Uraufführung der Tanzperformance „hope/less“ von Anna Konjetzky in der Muffathalle

Aus Münchens freier Tanzszene ist Anna Konjetzky nicht mehr wegzudenken. Hier im Kreativquartier hast sie schon seit einigen Jahren ihr eigenes Studio names Playground, daas die Choreograaphin immer wieder auch mit ausländischen Künstlern in residence spartenübergreifen bespielt oder kollektiv Ausstellungs- bzw Austaucshformate produziert. Hat man eines ihrer Werke verpaasst, daarf man häufig aauf eine Wiederaufnaahme hoffen.
Als eine der ganz wenigen Freien verfügt Konjetzky mittlerweile über ein regelrechtes und gastspielerprobtes Repertoire. Möglich wird das, weil sie die technisch oft mobilen und meist eng in die Choreografien einbezogenen Bühnenbauten selbst einlagert. Für ihre in der rigiden Zeit der Lockdowns entwickelte Solo- Produktion „Über die Wut“ wurde soeben Sahra Huby- Konjetzkys langjährige kreative Mitstreiterin und famose Interpretin in jedem ihrer Stücke- als „ beste Darstellerin Tanz“ für den Deutschen Theaterpreis „ Der Faust“ nominiert.
In „hope/less“, Konjetzky neuestem Stück, ist Sahra Huby neben Daphna Horenczyk, Quindell Orton und Jascha Viehstädt eines von insgesamt vier individuell starken Kettengliedern, deren Hände, Flanken oder Fußsohlen sporadisch gern miteinander in gegenseitigen Kontakt treten.
Besonders daran ist, dass das kletterlustige Performer-Team ein auf vier schmalen Gerüstpfosten in die Höhe ragendes Quadrat bespielt. Oben, einige Meter über dem Boden, sorgt ein Haltenetz aus Autogurten für eine gefährlich wackelig-löchrige Spielfläche.
An den Säulen unten dran befinden sich kleine Rollen. Man bemerkt das erst, als einer der Tänzer Anlauf nimmt, sich affenartig an die Querstreben schmeißt und dann turnerisch ambitioniert daran herumhangelt. Ein schöner Moment, der zusätzlich Schwung in die passagenweise viel gefühlige Introvertiertheit und perfekt einstudierte Slow Motion aufbietende Performance bringt. Da gerät das Stangenkonstrukt mitsamt den teils darin verkrallten Interpreten so plötzlich selbst in Bewegung, dass sogar dem Zuschauer, der bis dahin die balancierenden Künstler in stabiler Sicherheit vermutet hat, quasi der Boden unter dem Sitz wegzurutschen scheint und ihn- einen optischen irritierten Augenblick lang- ein kurzer Schwindel erfasst.
Mit wundervoll biegsamem Drive und selten nur unisono trägt das bei aller Abstraktheit umsichtig aufeinander eingehende Interpreten-Kleeblatt die einstündige Performance aus risikowilligem Wagemut und Momenten emotional hilflosen Frusts. Thematisch passt die Produktion wie die Faust aufs Auge zu den mehrfachen, verzahnten, sich derzeit global ausbreitenden Problemhorizonten. Wenig zur Sache tut es was im Detail genau an persönlichen Einschätzungen die im Vorfeld interviewten Frauen und Männer, deren Stimmen das Publikum gleich zu Beginn und fortan in unregelmäßigen Abständen aus dem Off zu hören bekommt, um das Wort „Hoffnung“ sowie deren Abwesenheit herum vorbringen. Uns mal mobilisierende, mal hemmende Zukunftsängste- und wünsche haben wir letztlich alle.
Man kann Anna Konjetzky eine Provokateurin sehen, der es um Werte geht. Egal, ob ihre choreografischen Arbeiten radikal-explosiv sind wie ihre Recherche zur Wut, oder in der Art und Weise der Ausdrucksmittel wesentlich zurückgenommener. Letzteres ist bei „hope/less“ der Fall. Auch hier gelingt es ihr- ausgehend von an sich klaren physischen bzw. emotionalen Phänomenen- Prozesse des Nachdenkens in Gang zu setzen. Ihr Mittel hierzu ist fein inszenierte Körperlichkeit. Schlicht und einfach wirkungsvoll.

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