Anna Konjetzky & Co

hope/less // Tanznetz

hope/less // Tanznetz

Make things happen!

Tanznetz, 29.09.22 // Author: Anna Beke
Premiere von Anna Konjetzkys neuester Produktion „hope/less“ in der Münchner Muffathalle
Anknüpfend an ihr Tanzsolo „Über die Wut!“ setzt sich Choreografin Anna Konjetzky in ihrem neuesten Stück „hope/less“ erneut mit dem Thema Emotion als individueller Kraft und als gesellschaftlichem Zustand auseinander – ein Tanzabend, der unter die Haut geht! 

Ein buchstäblich ‚großer Wurf‘ ist der fest in der bayerischen Landeshauptstadt etablierten Choreografin Anna Konjetzky mit „hope/less“ wieder einmal gelungen; eine Produktion, die nach Vorpremieren in Braunschweig aktuell auch in München eine bejubelte Premiere feierte – zu Recht! In ihrem poetisch-philosophisch anmutendes Tanz-Portrait widmet sich Konjetzky nicht weniger als dem unendlich weiten Feld der Hoffnung bzw. Hoffnungslosigkeit. Und dank zahlreich geführter sowie akustisch eingespielter Interviews erhält sie unzählige Antworten auf die Frage nach der individuellen Bedeutsamkeit von Hoffnung, die nur immer weitere Fragen eröffnen: Ist Hoffnung als ewiger Motor des Vorwärtskommens und der Motivation zu verstehen? Oder kann Hoffnung auch blockieren und zu resignierter Passivität verführen? Wann schlägt Hoffnung in Hoffnungslosigkeit um? Keinen brisanteren Zeitpunkt hätte sich die Choreografin aussuchen können, um sich in dieser unserer aktuellen Zeit der oftmals erdrückenden Wut, Traurigkeit und Ohnmacht – und doch auch wieder aufkeimenden Hoffnung auf bessere und friedlichere Zeiten – diesem gewaltigen Themenblock zu widmen, der sowohl individuell als auch gesellschaftlich berührt, indem er ausnahmslos jeden betrifft! 
Den visuellen Rahmen von Konjetzkys Emotions-Kaleidoskop bildet ein auf vier Pfosten ruhendes fahr- und drehbares Metallgerüst, in das ein grobmaschiges Netz aus Sicherheitsgurten gespannt wurde. Dieses bietet auf raffinierte Weise ein variables Spielfeld mit schier endloser Vielfalt an Bewegungsmöglichkeiten für das virtuos-dynamische Power-Quartett bestehend aus Daphna Horenczyk , Sahra Huby, Quindell Orton und Jascha Viehstädt als festes Team der Choreografin. 
Zu zunächst zart anmutenden Klängen (Stavros Gasparatos) schält sich eine im Netz befindliche Gestalt aus der tiefschwarzen Dunkelheit des Bühnenraums heraus. Ein einzelner Körper, der mit zaghaften Slow-Motion-Bewegungen seinen horizontalen Umraum entdeckt und nach und nach von den anderen drei Tänzer*innen Gesellschaft erhält. Jede*r für sich erkundet zunächst behutsam die auf kleinem Minimalraum beschränkte Umgebung, tastet sich vor und vergrößert den Bewegungsradius – vier Individuen für sich, auf der Suche nach sich selbst, nach der eigenen Identität – integriert in ein Netz vermeintlicher Sicherheit oder doch ein Netz der Begrenzung? Erst allmählich entdecken die Performer*innen im sportiven Casual-Look – barfuß, Jeans, Streifen-Shirt – die vielfältigen Möglichkeiten, die das unter ihnen befindliche Netz auch in der Vertikale zur Bewegung bietet: Ein vorsichtiges auf den Netzgurten Balancieren wird ebenso erprobt, wie ein Legen auf die Striemen oder ein geschmeidiges durch das Netz Hindurchgleiten. Aus diesem vermeintlich ‚behaglichen‘ Zustand entwickeln sich alsbald bedrohliche Situationen, wenn zwei Tänzer*innen das ‚gemachte Nest’ verlassen und auf den Boden hindurchrutschen – die über ihren Köpfen gefährlich schwebenden Tänzer*innen drohen spinnengleich auf ihre Opfer zu stürzen – mit vollem Gewicht. Doch alle vier landen in vollendeter Kontrolle auf dem Bühnenboden, wagen den Sprung ins Freie – in die Freiheit. 
Zaghaft und ungelenk balancieren die Tänzer*innen auf einzelnen Körperteilen, bis sie an Bodenhaftung gewinnen und ihr Terrain erobern. Spiralen werden gedreht, ein Tänzer (wunderbar virtuos: Jascha Viehstädt) vollführt imaginäre Boxübungen mit sich selbst: Hoffen ist auch kämpfen, oftmals mit sich selbst – sich selbst überwinden, nicht nur buchstäblich passiv ‚hängen lassen‘ und darauf vergeblich hoffen, dass doch wohl etwas geschieht, etwas geschehen muss. Mit immer raumgreifenderen Bewegungen und rasant-schnellen Wechseln im Raum erobern die Tänzer*innen diesen auch mit geschlossenen Augen souverän. Sie agieren als perfekt aufeinander eingespieltes Kollektiv, dynamisch virtuos sowie extrem präsent und überzeugen gerade in ihrer Diversität, als ideale Ergänzung zueinander. „I hope for…“ wird bald als zentrale Fragestellung und gleich eines kindlichen Wortspiels in den Raum geworfen und von den vier Akteur*innen neckisch-kokett, introvertiert oder – im Gegenteil – extrovertiert zum Tool einer improvisatorischen Spielwiese umfunktioniert, dies um die eigenen Wünsche zu äußern – und sind dabei ganz bei sich, im intimen Gedankenspiel. 
Doch immer wieder ruft das Gerüst, als ‚sicherer Hafen‘ der Gewohnheit und des Altbekannten, die Tänzer*innen zurück und fängt sie wieder ein – einzeln, zu zweit, alle zusammen. Die Tänzer*innen antworten ihrerseits jedoch durch die neugewonnenen Erfahrungen mit nun waghalsigen leichtsinnigen Schwüngen – die in Überschlägen und gefährlichen Fällen zu münden drohen –, erobern mit ungeahnt geballter Energie ihr altes Terrain als neues für sich und beanspruchen es auf völlig andere Weise: Sie schwingen am Geländer entlang, klettern in Windeseile daran empor – mühelos, schwerelos –, balancieren freihändig auf den Netz-Striemen – das Leben als Balance-Akt per se. Furchtlos springen sie von großer Höhe und im Stand vom Trapez – gleichen Fallschirmspringern, ohne Fallschirm, absolute Kontrolle im bloßen Fall. Die Lust und Neugier aufs Leben überwiegen, Fehltritte als Folge werden in Kauf genommen: That‘s live! Virtuoses Klettern – virtuoses Scheitern! Was soll’s?!
Doch zuweilen ist es auch ein Nicht-Von-Der-Stelle-Kommen, trotz größter Bemühungen und rasend schnell ausgeführter Laufschritte in der Luft, geht jeder Schritt letztlich ins Leere – gleich einem Hamster im Laufrad, Vorwärtsbewegung über den Käfig hinaus sind unmöglich. Hier wird das Netz auch zum Gefängnis – Schlingen, die einen nicht in die Freiheit entlassen und unsichtbar festhalten. 
Immer wieder finden sich die vier Individuen zu skulpturalen Gebilden zusammen – als lebendig atmender Organismus, als anmutig schwebendes und zugleich fragiles Perpetuum Mobile, das als unbewegter Beweger für pausenlosen Wandel einsteht: Die Tänzer*innen halten sich – beiläufig und ohne großes Aufsehen darum –, supporten sich, bewahren einander vor Fall und Stoß; aus Individuen entsteht eine Gemeinschaft. Losgelöst von Zeit und Raum scheinen sie in der Ewigkeit zu schweben – in einem Antiquarium ohne Wände, ohne Boden, ein luftleerer Raum. Doch dann fordern sie sich ebenso und setzen sich gegenseitig Grenzen auf: Etwa, wenn eine unterhalb des Gerüsts stehende Tänzerin im vermeintlich freien Lauf diesem zu entkommen gedenkt und jedes Mal im abrupt von ihren Partner*innen rasant gedrehten Podium gegen den metallenen Pfosten zu prallen droht – dies signalisiert, es gibt kein Entkommen. Ein Bild, das zu besagen scheint: Hier ist deine Grenze! Bis hier und nicht weiter! Brutale Eindrücke wie diese wechseln sich mit zart-anrührenden ab, wenn eine unter dem Trapez befindliche Tänzerin (Quindell Orton) nun ein Entkommen in der Vertikale versucht und zaghaft ihre Finger durch die grobmaschigen Löcher des Netzes hindurchstreckt – gleich einem Griff nach draußen, einem physischen Seufzen nach Freiheit… ein Bild, das unzählige Assoziationen zulässt. 
Erst als das Gerüst mit geballter gemeinsamer Kraft an die Bühnenrückwand gerollt und ‚endgültig‘ buchstäblich Platz geschaffen wird, ist Raum für Vielfalt und freies Atmen vollends möglich. Doch auch dieser Zustand ist nicht final, alsbald wird das Gerüst wieder zurückgeholt und wie auf ein lautloses Kommando klettern die vier Tänzer*innen in Sekundenschnelle zurück auf ‚ihr‘ Gerüst, ziehen sich auf ‚ihre‘ Burg zurück – hängen dort jedoch wie im Netz verfangene Insekten, wie Schiffbrüchige am rettenden Balken auf sinkendem Boot. Hängen dort lange, so lange, bis sie beginnen zu schnaufen, zu fluchen und zu schreien – „I quit“, stellt Sarah Huby fest, sie kann nicht mehr – die Schwerkraft zieht zu unnachgiebig an ihr, und ihr kopfüber hängender Partner droht mit dem Schädel voraus auf den Bühnenboden hart aufzuprallen. Zunehmende Unsicherheit ist beim Publikum spürbar: Ist dies das Ende der Vorstellung, soll man die Tänzer*innen mit Applaus erlösen? Doch es ist nicht der Abschluss, in einem rasanten Finale bleibt eine Tänzerin allein im Netz zurück und versucht kletternd zu entfliehen, droht sich jedoch immer mehr zu verheddern, während ihre Tänzer-Kolleg*innen sie unaufhaltsam und in schwindelerregendem Tempo im Gerüst drehen – ein so starker Eindruck, dass er sich physisch aufs Publikum überträgt. Plötzlich bricht der bedrohliche Strudel ab – die Tänzerin kann sich in letzter Sekunde befreien und ihre (Selbst-)Kontrolle zurückgewinnen. Sie hat wieder Boden unter den Füßen – eine momentane Ordnung wurde wieder innerhalb des Kollektivs hergestellt. Meterlange Plastikstriemen werden am Netz befestigt. An beiden Seiten gehen die Tänzer*innen mit diesen von der Bühne ab in den Zuschauerraum und spannen ein Netz über die Köpfe des Publikums. Dieses wird dadurch selbst zum Teil des Bühnenkollektivs, Teil der eingeschworenen Gemeinschaft. In die sich erneut ausbreitende Dunkelheit hinein wird das Bühnengerüst gemächlich, doch unaufhaltsam gen Zuschauerpodest gerollt und das Stück endet – wie auch sonst – in Bewegung, als visionäres Bild mit Blick in die Zukunft? Ein visionäres Bild mit Blick nach vorn. Ein Ende im Wandel – wir alle im Wandel und das ohne Unterlass, ohne einen Moment des Stillstands. Kein Sein ohne Wandel!
„I do not feel alone in my hope. I share the same hopes and fears as many other people“, sagt eine Stimme während der Vorstellung von „hope/less“ einmal aus dem Off, und der Kern dieser Aussage wird besonders am Ende spürbar, in dieser Zeit, in diesem Moment… Wenn geteiltes Leid halbes Leid ist, ist dann nicht im Gegensatz hierzu geteilte Hoffnung doppelte Hoffnung? Hoffnung kann Motor sein, Blockade sein, kann individuell und gemeinschaftlich sein, kann bewegen und kann stoppen – Hoffnung als wahrgenommene Chance der Veränderung und als Motor der Verwandlung kann aber vor allem eines tun: Make things happen! Allein, aber besser noch im Kollektiv. Zusammen ist mehr.
 

 

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Über die Wut // Fränkische Nachrichten

Über die Wut // Fränkische Nachrichten

Tanz – Mit geballten Fäusten

Fränkische Nachrichten, 20.12.2021 // Author: Nora Abdel Rahman​
Tanz – Mit geballten Fäusten
Stück „Über die Wut“ beendet das Jahr im Eintanzhaus

„Stopp!“, schallt es aus dem Off, während sich die Performerin von ihrem Platz wegbewegen will. Sie hält inne, geht zurück in ihre Sitzposition und versucht es erneut. Doch wieder zwingt die kurze Anweisung sie zurück in die Ausgangsposition. Das geht so weiter, bis sich dieser Vorgang verselbstständigt und in eine andere Form übergeht. Auf der Soundspur verzerrt sich das „Stopp!“, dehnt sich aus, verdoppelt und verdreifacht sich zu einem ausufernden Klangexperiment. Während die Tänzerin einen ähnlichen Prozess durchläuft: Ihr Körper spannt sich immer stärker an, mit geballten Fäusten beginnt sie einen Tanz, der sie mehr und mehr einem Ausnahmezustand annähert.
Eine Recherche „Über die Wut“ ist der in München ansässigen Choreographin Anna Konjetzky mit ihrer aktuellen Tanzarbeit gelungen. Wut sei ein Zustand, schreibt sie in ihrem Tanzprospekt, „der aktuell sehr präsent ist und als Produkt einer besorgten und ängstlichen Politik und Gesellschaft großen Raum in unserer Realität einnimmt“.
Verletzbarkeit der Seele
Auf der in Weiß gehaltenen Bühne im Mannheimer Eintanzhaus entfaltet sich das Szenario „Über die Wut“ mit der unermüdlichen Performance von Sahra Huby auf der herausfordernden Musik von Brendan Dougherty und der raffiniert genutzten Bühnenausstattung. Bald setzt Huby ihr Konterfei in einen von der Decke hängenden leeren Rahmen und zeigt ihren vor Wut angespannten Kiefer, fletscht die Zähne oder sperrt den Mund weit auf zum Schrei; bald wird ihr Gesicht durch eine Filmprojektion ersetzt, die wütende prominente Konterfeis zeigt; bald leuchten in der Luft hängende Wut-Lettern auf, ausgelöst durch einen Sprung der Performerin auf einen Schalter am Boden; alles ist hier in die verschiedenen Ausprägungen der Wut getaucht. Als sich die Akteurin nackt auf der Bühne zeigt, wird der Wutrausch für Momente stillgelegt. Jetzt offenbart die Tänzerin die ganze Verletzbarkeit des Körpers und der Seele.

WE ARE HERE // KULTURA EXTRA

WE ARE HERE // KULTURA EXTRA

(Tanz-)Bilder einer Großstadt

KULTURA-EXTRA, 21. July 2021 // Author: Petra Herrmann
WE ARE HERE von Anna Konjetzky – jetzt auch in München
Corona hatte die Choreografin Anna Konjetzky arg gebeutelt. Zwei Premieren mussten abgesagt werden, eine ist wohl für immer gestorben. Aber jetzt: We are here.

Elf Tänzerinnen und Tänzer [Namen s.u.] durften endlich wieder zeigen, was sie drauf haben. Ihre Partner: ein tiefer, grauer Raum (Andrey von Schlippe), Licht und Schatten. Es trägt sie eine starke Basis, die eindrucksvolle Soundcollage aus Geräuschen einer Großstadt von Sergej Maingardt.

Alles beginnt mit Soundschleifen, die aus einer Fußgängerzone stammen könnten, einem Bahnhofsvorplatz, einer U-Bahn-Haltestelle. Alltag in town. Die Menschen, in grau, beige und braun, sind bis auf ein paar Farbtupfer in „gedeckten“ Tönen gewandet (Kostüme: Charlotte Pistorius) und scheinen gelangweilt zu warten. Jede und jeder für sich. Tonfetzen setzen sie in Bewegung, abrupte Stille friert sie ein. Die Szene nimmt Fahrt auf und erinnert an das alte Kinderspiel: stoppte die Musik, durfte man sich nicht mehr rühren. Das sah damals komisch aus. Die Kinder lachten.

Dieses erwachsene Tanzspiel jedoch hat nichts Fröhliches. Die Menschen verharren oft in Schreckstarre, irgendwoher atmet es schwer. Aus dem Geräuschteppich steigt immer wieder ein pulsierender Rhythmus auf. Die Moves schalten sich gleich, die Schatten der Tänzer spielen mit. Verleitet diese akustische Umgebung zu Uniformität? Auf jeden Fall funktionieren die Menschen wie Rädchen in einem Getriebe. Zwar lösen sich einzelne Tänzer*innen hin und wieder aus der Gruppe, nehmen sich Freiräume, ihre Schritte sind dann unnatürlich laut, sie schlenkern mit den Armen, doch bald schon zucken und zittern sie aufs Neue zum Beat der Stadt: Baulärm? Eine Stadtbahn? Bremsen? Sirenen? Alles geht wild durcheinander, im Großstadtdschungel brüllen Löwen, heulen Hunde, Paarungen sind flüchtig und zufällig.

Je höher der Geräuschpegel steigt, umso mehr verdichten sich Aggressionen, Angst und Erschöpfung. Dazu verengt sich der Bühnenraum. Er verliert immer mehr an Tiefe. Am Ende stehen alle Figuren aufgereiht wie auf einer schmalen Rampe. Kein Platz mehr. Der Tanz ist zu Ende. Stille. Aber dann lauter, verdienter Beifall.

Anna Konjetzkys vielfach ausgezeichnete Arbeiten werden national und international gezeigt. Sie kreiert auch Stücke für etablierte Tanzcompagnien und realisiert ihre eigenen Stücke seit 2014 in Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen. Seit 2019 agiert sie als Anna Konjetzky&Co. Mit einem festen Team hat sie in München den PLAYGROUND gegründet, einen Ort, an dem Tänzer*innen ihr Wissen erweitern können.

Einmal mehr war ihr mit We are here, einer Produktion des Saarländischen Staatsballets von vor zwei Jahren, ein sehr starkes Stück gelungen.

WE ARE HERE // Abendzeitung München

WE ARE HERE // Abendzeitung München

“We are here”: Stop und Go in der Muffathalle

Abendzeitung München, 21. July 2021 // Author: Vesna Mlakar
“We are here” – ein Tanzstück von Anna Konjetzky, das am Mittwoch noch einmal in der Muffathalle aufgeführt wird.

Schluss mit klein, dachte sich Anna Konjetzky. Die Tänzer der freien Szene müssen endlich wieder raus ins Rampenlicht und dabei ihre Energien bündeln.
Nach unzähligen Absagen und Projektverschiebungen im Zuge der Covid-19-Krise und ihrem emotionalen Lass-alles-Aufgestaute-an-Gefühlen-raus-Soloprojekt “Über die Wut” entschloss sich die weit überregional erfolgreiche Münchner Choreografin zu einem Experiment, das in seiner Umkehrung jenem vergleichbar ist, mit dem das Ballett des Gärtnerplatztheaters die 30. Tanzwerkstatt Europa eröffnet: neue, anders “tickende” Körper toben sich in unter gänzlich anderen Bedingungen entstandenen Stücken aus.

Newcomer und erfahrene Joker wickeln Zuschauer um den Finger
Nur dem Zufall ist dieses kongeniale Zusammentreffen zu verdanken. Man kann nur empfehlen, das auch auszukosten. Schon in der Generalprobe von “We are here” wickeln junge Newcomer wie João Santiago und Oliver Pertiglieri mitsamt starken Frauen (Aurora Bonetti, Eleonore Bovet, Erica D’Amico, Chiara Viscido) und flankiert von immer guten erfahrenen Jokern à la Guido Badalamenti, David Cahier, Sahra Huby, Quindell Orton oder Alfonsos Fernández Sánchez den Zuschauer locker um den Finger. Jeder hier hat Unikatcharakter. Und das in einer Freakshow von alltagsgelangweilten Typen, die innerhalb eines neutral-grauen Raums diversen akustischen – mal angenehmen, meist aber stressig-bedrohlichen – Szenarien ausgesetzt werden.

Konjetzkys Wahl fiel auf ihr gerade wieder rechtefreies Stück, das sie im Mai 2019 mit dem Saarländischen Staatsballett uraufgeführt hatte. Nun verantworten, nach Monaten der Unsichtbarkeit, elf lokale Performer die Premiere der Münchner Neueinstudierung. Die Kostüme mitsamt dem unmerklich raffiniert den Platz stetig verkleinernden Original-Bühnenset bekam man geliehen. Das verpasst dieser Produktion den vereinnahmend professionellen Look. Zur Ruhe kommt man beim Zusehen allerdings nicht.

Klangideen prallen auf Bewegungsmuster
Ganz offensichtlich wurde die zum Ende hin immer waghalsigere solistische Highlight-Momente abfackelnde Show im Sinne einer gedanklichen Bedienung von Play- und Pausentaste kreiert. Sogkraft entwickelt sich folglich aus einem ständigen Stop und Go. In jeder Sequenz wird irgendein Motiv schallwellenartig auf die Spitze getrieben.

Ständig prallen Klangideen (Sergej Maingardt, mit unzähligen Effekten von lauten Pingpongbällen bis zu Raubtiergebrüll) und Bewegungsmuster gegeneinander. Nach gut 50 Minuten persönlicher Assoziationsausbeutung bekommt man dann fast alles nochmals per weich gesoftetem Schnelldurchlauf vorgespielt. Auch das musikalische Universum rauscht einem zeitlich eingedampft zum Schluss ein weiteres Mal laut um die Ohren. Top ausgeklügelt, dieser herausfordernd-fiese Spaß!

Über die Wut // danceinternational.org

Über die Wut // danceinternational.org

ABOUT ANGER

danceinternational.org, 14. Juni 2021 // Author: Jeannette Andersen
For her new piece, Über die Wut (About Anger), Anna Konjetzky chose a traditional stage — at the Münchner Kammerspiele —

The solo, danced by the fabulous freelance dancer Sahra Huby, was spellbinding. Huby’s register of anger spanned cartoon-like movements, repressed anger that distorted the body, anger that welled up from her toes and tried to escape through her mouth, aggressive typically masculine gestures and much more. Scenes of violent demonstrations, such as those for Black Lives Matter, and of refugees trying to climb the wall between Mexico and the United States, were projected upstage on white banners because, as Konjetzky explained in her artist talk, we are living in a world of anger.

Über die Wut // Abendzeitung

Über die Wut // Abendzeitung

Über die Wut

Abendzeitung, 18. Mai 2021 // Author: Vesna Mlakar

Sahra Huby, who as the congenial protagonist in Anna Konjetzky’s “Über die Wut” (Anger) is stealing the thunder from the once so delightfully exploding HB male, at some point also becomes loud and shrill in the situational portrayal of the uncontrollable emotion, like the storm of words and images that at times accompanies her. In fractions of a second, fear, suffering or despair make themselves known in this way.