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wah-wah

KATJA SCHNEIDER

SEITE 10 . NOVEMBER . M.NCHNER FEUILLETON

Neues von Anna Konjetzky

und Stefan Dreher:

Die einen ziehen im Sog

des Kreises ihre

Bahnen, die anderen

treten nacheinander

aus dem Schatten.

Tänzerische Schwärme waren mal groß in Mode. In den Nullerjahren

experimentierte man gerne mit selbststeuernder

Bewegung, kinästhetischem Respons und den Wirkungen,

wenn sich Kollektive wie im Schwarm organisieren. Wer steuert,

wer folgt, wie erfolgen die nonverbalen Absprachen, wie

gelingt das Spiel von Aktion und Reaktion, Kontrolle und Laufenlassen?

Das war spannend, manchmal aber auch ermüdend.

Und eigentlich war es durch.

Anna Konjetzky belebt jetzt den Schwarm-Topos noch einmal

von der anderen Seite: Sechs Tänzerinnen und Tänzer

arbeiten sich an der Vergemeinschaftung ab. Zum Schwarm

konstellieren sie sich dabei nur passagenweise. Zunächst laufen

sie sich warm. Immer links rum. Das Publikum sitzt auf Podesten,

die in der Kammer 2 im Achteck angeordnet sind. In diesem

Oktagon bewegen sich Sahra Huby, Viviana Defazio, Quindell

Orton, Michele Meloni, Damiaan Veens und Jascha

Viehstädt als permanente Linksdreher: rennend, springend,

hüpfelnd, gehend, trabend, vorwärts, rückw.rts, im Aerobic-

Knie-hoch-Gang. Sie sehen sich offen an, abwartend, nicht lauernd.

Und dann jagen sie sich doch. Das ist einer der stärksten

Momente in diesem Mobile, wenn sich Quindell Orton ihren

Mittänzern in den Weg wirft, in Läufe rutscht, zum Ausweichen

zwingt. Ein anderer zwingender Moment entsteht, wenn sie sich

aus einer Ruhepause in Anspannung einander zuwenden,

umkreisen und sich stoßend, zuckend, aneinander reibend, ringend,

zupackend, beißend und saugend ineinander verknäulen.

Dieses »Wah-Wah« (seinen Namen verdankt das in den

Kammerspielen uraufgeführte Stück der durch die Stadt optionsgeförderten

Choreografin einem Sound-Effekt) schickt das

Publikum durch Höhen und Tiefen. Aus letzteren schallt der

Soundtrack von Brigitta Muntendorf. So clean und cool der

Raum von Linda Sollacher (Licht: Wolfie Eibert), so verquatscht

die Audiospur.

Veröffentlicht im November 2016, Münchner Feuilleton, Autor Katja Schneider

Produktion

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