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wah-wah

München

DAS ICH IM RATTENRENNEN DES UNIVERSUMS

In Anna Konjetzkys neuem Stück dreht sich alles um den Kreislauf des menschlichen Zusammenseins

Die Sache geht in einer achteckigen Arena rund wie im Goldfischglas, links herum, links herum, links herum… und immer links herum.

“wah-wah” von Anna Konjetzky; vlnr.: Viviana Defazio, Damiaan Veens, Sahra Huby, Quindell Orton, Michele Meloni, Jascha Viehstädt Foto © Franz Kimmel


Anna Konjetzkys Arrangement für „wah wah“ in den Münchner Kammerspielen 2 ist ein bisschen unheimlich. Die Sache geht in einer achteckigen Arena rund wie im Goldfischglas, links herum, links herum, links herum… und immer links herum. Als Parabel auf das menschliche Dasein ist das deprimierend. Aber es hilft nichts: Die Szenerie ist, wie sie ist, und der Mensch ˗ in diesem Fall drei Tänzerinnen, drei Tänzer und die rund um sie herum sitzenden Zuschauer ˗ hängt darin als Mitspieler fest.

Der geheimnisvolle Antrieb zum Rundlauf scheint durch göttliche Kräfte gegeben zu sein, und es sind ihm ausnahmslos alle unterworfen. Konjetzky hat mit ihrem begnadeten Händchen für Typen eine faszinierende Ansammlung von Charakteren zusammengestellt, um die Universalgültigkeit ihrer Szenerie zu unterstreichen: Ein langer Hipster mit Bart (Damiaan Veens), ein schöner, feingliedriger Dutt-Träger (Jascha Viehstädt) und ein kompakter, sehr orientalisch aussehender Tänzer (Michele Meloni) bilden die Herrenfraktion, die Damen sind durch die langbeinige, schwanenhafte Quindell Orton, die burschikose Viviana Defazio und natürlich Sahra Huby vertreten. Huby, Konjetzkys muskulöse und doch zarte Muse, trägt weiße Sneaker statt dunkle wie die anderen ˗ das macht sie zur heimlichen Anführerin, ihr folgen die Blicke, wenn unter den wortreichen Klangcollagen von Brigitta Muntendorf der Wirbel der Elementarteilchen zu unübersichtlich wird.

Es ist geradezu hypnotisch, wie die Protagonisten ewig um sich selbst kreisen. Über manche Strecken führt es sogar zur Trance. So mancher Zuschauer sinkt im Sog des eigenen Bewusstseinsstroms zusammen, in Gedanken meilenweit weg. Fängt dann endlich Sarah Huby an, eine neue Mode der Fortbewegung zu entwickeln, beispielsweise mit rudernden Armen in der Hocke zu watscheln, ist der Betrachter überaus dankbar. Hurra, eine Mode kommt auf! Knallt dann noch Quindell Orton den anderen ihre Modelbeine in den Weg, um sie zum Stürzen zu bringen, wird es richtig spannend. Alle Antennen stehen wieder. Krieg hält wach.

Zum Auge des Orkans führt schließlich ein Glaubensbekenntnis, für das Konjetzkys Menschenschwarm innehält. Gebückt, wie vor den Kopf geschlagen vom dauernden Kreisen, sprechen die Sechs im Chor: „Ich glaube, dass ich der Mittelpunkt des Universums bin. Alles, was ich erlebe, dreht sich nur um mich“. Es ist also Egozentrik, die die Menschen antreibt, im ewigen Rattenrennen mitzuwirken. Doch es regiert noch eine zweite Überzeugung, die die „Götter“-Stimmen gleich im Anschluss verkünden: Das wichtigste Ziel ist die Freiheit, und diese ist nur außerhalb des Ichs zu finden, bei den anderen Kreisenden. So entstehen Verbindungen, Formationen, Kriege, das Futter im Goldfischaquarium. Eine wunderbare Gelegenheit für den Mann am Licht, Wolfgang Eibert, die Zuschauer in weiße Mondstrahlen zu tauchen und so füreinander sichtbar zu machen ˗ auch sie gehören zum ewigen Kreisspiel. Konjetzkys gutes Gespür für Raumaufteilung ist die Steilvorlage für den schönen Effekt. Das Glaubensbekenntnis ist aber auch der Auftakt zu einer verstörenden Orgienszene, in der die Tänzer, zum Ball verknotet, sich wie gierige Lindwürmer gegenseitig in die rückwärtige Körperöffnung kriechen wollen. Der Wust löst sich im Rave auf, jeder tobt im eigenen Stil, natürlich im Kreis. Welcher bald wieder eintönig wird.

In dem endlosen Reigen, den „wah wah“ abbildet, stellt sich ziemlich früh die Frage nach dem Ausweg. Diese bedrückende Zwanghaftigkeit des menschlichen Verhaltens, der die Tänzer unterworfen sind ˗ ist sie wirklich nicht zu brechen? Ein bisschen schon. Es gäbe doch durchaus etwas, was Hoffnung schürt: ein Richtungswechsel. Rechts herum ist das neue Links! Doch Konjetzky verzichtet darauf, so einen Wechsel vorzuführen. Der Betrachter bleibt also, hypnotisiert, belustigt und verstört, letztlich auf seine eigenen Ideen angewiesen. Ähnlich wie beim meditativen Blick ins Fenster der Waschmaschine.

Veröffentlicht am 23.10.2016, von Isabel Winklbauer

Veröffentlicht am 23.10.2016, Tanznetz

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Münchner Feuilleton, November 2016