Presse

Concertstudies

Die Ordnung der Dinge kritisch hinterfragt

Mit „Concertstudies“, zwei Stücken von Anna Konjetzky,
eröffnete das Schleudertraum-Tanzfestival in Regensburg. Von Gabriele Mayer, MZ-REGENSBURG.

Natürlich gibt es, so wie es Konzept-Kunst gibt, auch Konzept-Tanz: Anläufe und Ansätze, um die Elemente, aus denen sich Tanzdarbietungen im Allgemeinen zusammensetzen, auseinanderzudividieren und offenzulegen und dem Zuschauer als eine Art tänzerische Medienanalyse zu vergegenwärtigen. Ein kritisches Befragen also der Ordnung der Dinge im Tanz. Der Versuchsaufbau des ersten Stücks von Anna Konjetzky war folgender: Vier Lichterketten am Boden in langlaufenden, parallelen Bahnen teilen den Tanzraum auf, vorne links sitzt eine Frau in barockem Kostüm mit verbundenen Augen und zählt von eins bis etwa fünfhundert, ohne Unterlass. Und die beiden Tänzerinnen bewegen sich in und neben den Bahnen, zwar auch nicht unmittelbar zum gleichförmig fortschreitenden Lauf des Zählens, aber man bemerkt das Wippen und Kippen der Körper, den Takt, in dem sie den eigenen Rhythmus verfolgen. Keine Musik. Nur das laute Zählen und das Atmen. Eine gewisse Sperrigkeit, auch ein optischer Widerhaken liegt in der Darbietung: der aseptisch weiße Dress der Tänzerinnen, die nüchterne Bühne, die schnörkellosen, halb vorhersehbaren, halb eigenwilligen Bewegungen, das glatte Zählen. Dagegen das warme Licht der Lichterketten, das opulente Kostüm, die Offenheit der Situation. Und die Zeit, die einerseits in schnöder Mechanik läuft und doch immer einen besonderen Ton annimmt, denn wir leben in der Zeit, wir erleben und formulieren sie notwendigerweise aus, und die Gestimmtheiten ändern sich. Tanz ist Bewegung als ein individuelles Füllen des Zeitablaufs, ein Spiel mit dem unablässigen Ticken als der Vorgabe des Lebens. Man darf dabei ruhig an Martin Heideggers „Sein und Zeit“ denken oder an den Künstler Roman Opalka, der den Lauf der Zeit als Strichliste anzeigt. Das zweite Stück handelte vom Hören und Spielen von Musik, vom inneren Hören der Spielerin bei der Stummheit des Klaviers. Und von ihrem Hören der Töne, die sie von Notenblättern abliest und selbst produziert und über Kopfhörer nochmal hört. Außerdem sitzen vor einem Abspielgerät in der Ecke zwei Personen. Mal ertönt aus dem Gerät die Musik, die auf dem Klavier gespielt wird, mal nicht. Die beiden Personen sehen die Spielerin nicht. Sie bewegen sich nicht, wo doch eigentlich Bewegung und Musik einander konstituieren. Bewegen sie sich vielleicht innerlich? Bewegen wir als Zuschauer uns innerlich zu vorgestellten Tanzschritten? Die Synchronität zwischen den Musik-Elementen Spielen, Hören, Sehen und Bewegen hat sich jedenfalls aufgelöst. Man kann mit ihnen jonglieren.

Veröffentlicht am 26.02.2010, Mittelbayerische Zeitung, Autor Gabriele Mayer

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