Presse

THE VERY MOMENT

Die negative Utopie wird positiv

Anna Konjetzky zeigt “The Very Moment” an den Münchner Kammerspielen.

Veröffentlicht am 23.12.2018, von Karl-Peter Fürst

München - In „The Very Moment“, dem neuen Tanzstück der Choreografin Anna Konjetzky, die zum wiederholten Mal mit den

Münchner Kammerspielen kooperiert hat, passiert zunächst wenig. Drei Frauen und zwei Männer stehen auf der Bühne wacklig

auf halber Spitze und deuten abwechselnd aufeinander. Die gegenseitige Beobachtung verunsichert zusätzlich. Einer der Tänzer,

Maxwell McCarthy, nimmt ein Mikrofon, erklärt Beeinträchtigungen wie Schwerkraft, Bodenhaftung und Balanceverlust,

kommentiert instabile Positionen sowie die Anstrengungen, sie zu halten. Er filmt mit einem iPhone Körperteile, die auf die

Rückwand in mehreren Feldern projiziert werden. Dann thematisiert er mit den anderen TänzerInnen als Versuchspersonen die

Angst, in Momenten ihrer Schwäche, wenn sie scheitern oder stürzen, gefilmt und auf YouTube ins Netz gestellt zu werden. Da

scheint es besser, nie die Kontrolle zu verlieren.

Damit hat Anna Konjetzky die Thematik ihres neuen Projekts umrissen und die Voraussetzung für weitere Erkundungen geschaffen.

Nachdem in mehreren Sequenzen zum wummernden Sound ihres Komponisten Brendan Dougherty, in den sich kraftvolle Bässe

schieben, alle fünf TänzerInnen mit hörbaren Atemstößen ihren Energieausstoß verdeutlicht haben, erscheint auf Videos von René

Liebert ein gestürzter Marathonläufer am Straßenrand. Eine Tänzerin stürzt auch, versucht aus derselben Position aufzustehen,

taumelt erschöpft. Man kann sich in Lage und Gefühl des gestürzten Athleten versetzen, aber die Bilder wechseln schnell, zum

Beispiel zu einem torkelnden Betrunkenen. Und die TänzerInnen erscheinen mit ihrer Illustration der unkontrollierten Momente

plötzlich selbst als Projektion. So verdichtet ein Verwirrspiel mit unserer Perspektive das Geschehen.

Dieses nimmt zunehmend Fahrt auf. Rhythmisches Kippen des Rumpfes variiert zwischen Tempo und Statik, wackelnde Knie

versetzen die Oberkörper ins Kreisen, auf Stürze folgt mühsames Aufstehen, und zum wiederholten Mal beginnt alles von vorn.

Dieses Mal mit Versuchen, die Vertikalität nicht zu verlieren, Risiken aus dem Weg zu gehen. Zu Sätzen wie „Wenn Durchhalten

das Einzige ist, was wir gewinnen können, sind wir Verlierer“ wirft diese optisch und verbal fortschreitende Analyse Fragen nach

Autonomie- und Motivationsverlusten auf, nach dem Warum, nach dem Wozu und dem eigenen Gefühl dabei. Aber die

TänzerInnen bewegen sich weiter intensiv, und die Andeutung einer negativen Utopie wird positiv. Zwar wackelt Sahra Huby wie

ein Plastikdackel mit dem Kopf, demonstriert, wie sie zu Dingen oder Spielzeug wird, doch als die anderen die Bewegung

aufnehmen, entsteht schon so etwas wie eine moderne Tanzsequenz, die sich, kaleidoskopartig projiziert, in hohem Tempo

überschneidet.

Musik und Movements passen oft frappierend, und das Entwickeln tänzerischer Formen aus Momenten des Scheiterns, die nicht

mehr kontrolliert sind, beeindruckt. Man weiß, woher die Bewegungen kommen. Die Authentizität wird spektakulär betont, wenn

alle fünf TänzerInnen ihre instabilen Positionen halten, während ein Sportreporter das wie rasend kommentiert und die unzähligen

Projektionen aus der Außenwelt in Sekundenschnelle wechseln. Da torkelte auch Amy Winehouse bei einer einfachen Pirouette.

Hier macht Sahra Huby mit ihrem iPhone nach virtuosen Stürzen Selfies, die als Projektion pulsieren. Anschließend der Satz „Wir

haben die Videos. Oder waren wir da und haben es nicht mitbekommen?“ Insgesamt: ein starker Appell von Anna Konjetzky und

ihren sich hellwach verausgabenden TänzerInnen (neben Sahra Huby sind es Sooyeon Kim, Maxwell McCarthy, Quindell Orton

und Robin Rohrmann) nicht an Vorgeschriebenem festzuhalten, sondern präsent zu sein, den entscheidenden Moment autonom zu

nutzen. Auch aufgrund von Dramaturgie (Sarah Israel), Bühne (Andrey v. Schlippe) und Beleuchtung (Wolfgang Eibert) ist dieser

aufrüttelnden Produktion viel Publikum zu wünschen.

Veröffentlicht am 23.12.2018, Tanznetz, Autor Karl-Peter Fürst
Link zum Artikel: https://www.tanznetz.de/blog/29032/die-negative-utopie-wird-positiv

Produktion

weitere Artikel

KULTUR-EXTRA online, 22.12.2018
Abendzeitung München, 22.12.2018
Tanznetz, 23.12.2018
Bayerische Rundfunk Kulturwelt